Gehörlos – Leben in der Stille?

In Deutschland leben ca. 80.000 Menschen die nicht hören können. Der Begriff „gehörlos“ wird heute meist anstelle von „taub“ oder „taubstumm“ verwendet, Attribute, die von Betroffenen als diskriminierend empfunden werden. Viele Gehörlose verfügen zwar noch über ein Restgehör, dieses reicht allerdings für das Verstehen von Sprache nicht mehr aus. Gerade für kleine Kinder ist das Verstehen von Lautsprache die unabdingbare Voraussetzung, um sprechen zu lernen. Wer nicht hört, kann nicht deutlich reden – mit diesem Wissen versteht man auch die Herkunft des Wortes „taubstumm“.

Gehörlos oder schwerhörig?

Streng genommen stuft man in der Audiologie, der Lehre vom Hören, den Grad des Hörverlusts ab. Experten sprechen also von leichtem, mittlerem, schwerem und hochgradigem Hörverlust. Letzterer entspricht der Gehörlosigkeit. Nähere Informationen zum Grad des Hörverlusts finden Sie hier.

Ab wann ist man gehörlos?

Personen mit einem hochgradigen Hörverlust können als gehörlos bezeichnet werden. Allerdings ist es auch bei einem schweren Hörverlust schwierig, sich mit gesprochener Sprache zu unterhalten.

Sprache hören und verstehen

Betrachtet man ein Audiogramm von Alltagsgeräuschen, erkennt man die sogenannte „Sprachbanane“. Das ist der Bereich von Frequenzen (Tonhöhen) und Lautstärkebereichen, in dem Sprache am häufigsten vorkommt. Lautsprachliche Kommunikation in normaler Lautstärke findet bei ca. 65 dB statt. Wer schlechter hört, hat Probleme, Gesprächen und Unterhaltungen zu folgen, besonders in lauter Umgebung. Menschen, deren Gehör im Laufe des Lebens immer schlechter wird, scheuen sich oft, ihre Gesprächspartner womöglich mehrmals zu bitten, Gesagtes zu wiederholen.

Wer spät ertaubt, kann oft nicht gut Lippenlesen und beherrscht Gebärden nicht. Im Gegensatz dazu stehen Menschen, die von Geburt an nicht hören konnten, keine technischen Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Cochlea-Implantate verwendeten, und in und mit einer anderen Kultur aufwuchsen.

Taub mit eigener Kultur

Viele taube Menschen sind stolz auf ihre Bräuche, auf die sie verbindende Gebärdensprache, durch die sie in Kontakt mit anderen treten, und auf ihre gemeinsame Kultur und Identität. Die Kultur der Gehörlosen unterscheidet sich in einigen Bereichen von jener Hörender. Hier nur ein kleiner Auszug: Taube klatschen anders – sie winken mit den Händen, erlangen die Aufmerksamkeit ihrer Gesprächspartner, bevor sie sprechen oder verwenden andere Alltagsgegenstände. Ein Wecker, wie ihn Hörende kennen, hätte wenig Nutzen. Für Gehörlose und Schwerhörige gibt es zum Beispiel Licht- oder Vibrationswecker, Lichtglocken und andere Gegenstände, die optische oder vibrierende statt akustische Signale verwenden. Untertitel im Fernsehen – beispielsweise auf ARD – sind ein weiterer Punkt.

Die Gehörlosenkultur ist nicht auf Menschen mit Hörverlust beschränkt. Viele Eltern gehörloser Kinder sind normalhörend und fühlen sich als Teil der Gemeinschaft der Gehörlosen.

Gebärdensprache – die Sprache der Gehörlosen

Die Kommunikation unter Gehörlosen, die keine technischen Hilfsmittel verwenden, erfolgt mittels Gebärdensprache – fälschlicherweise manchmal auch Zeichensprache genannt. Dies rührt von einer ungenauen Übersetzung des englischen „sign language“ her. Menschen die gebärden, verwenden Mimik, Gestik, Hand- und Körperbewegungen, um zu kommunizieren. Hunderte verschiedener Gebärdensprachen werden auf der ganzen Welt gesprochen. Meist folgen sie einer anderen Grammatik als die entsprechende Lautsprache. Zahlreiche Dialekte haben zur Folge, dass manche Wörter in Bayern zum Beispiel anders gebärdet werden als in Nordrhein-Westfalen. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) unterscheidet sich klar von der österreichischen (ÖGS). Das trifft natürlich auch auf die Lautsprache zu.

Wenn Gehörlose mit hörenden Personen kommunizieren, die der Gebärdensprache nicht mächtig sind, kommen Dolmetscher zum Einsatz. Für die mündliche Kommunikation sind das üblicherweise Gebärdendolmetscher, bei längeren Gesprächen oder etwa bei Veranstaltungen, Konferenzen oder Ähnlichem wird schriftlich gedolmetscht. Die Dolmetscher geben dabei das Gesagte in einen speziellen Computer ein, der es sofort verschriftlicht. So können Gehörlose mit einer nur minimalen Zeitverzögerung Vorträge und Reden mitlesen. Die Tagesschau und andere Sendungen in der ARD aber auch im ZDF sind beispielsweise schon lange in Gebärdensprache oder mit Untertiteln für hörbeeinträchtigte Personen verfügbar.

Warum wird man gehörlos?

Durchschnittlich eins von 1000 Kindern wird in Deutschland jedes Jahr taub geboren. Eine Hörbeeinträchtigung erkennen die Spezialisten bereits in der Geburtsklinik, wenn das Neugeborenen-Hörscreening im Alter von wenigen Lebenstagen durchgeführt wird. Bei Auffälligkeiten folgen weitere Untersuchungen des Gehörs. Mehr dazu lesen Sie hier.

Krankheiten, Unfälle, aber auch ein allmählich schlechter werdendes Hörvermögen können ebenfalls zu Gehörlosigkeit führen. Hier erfahren Sie mehr.

Häufige Ursachen für Gehörlosigkeit

Gehörverlust kann in jedem Alter auftreten, die Ursachen dafür sind vielschichtig. Nach der Altersschwerhörigkeit ist die Lärmschwerhörigkeit die zweithäufigste Erscheinungsform. Geschädigt wird das Gehör vor allem durch zwei Einwirkungen: ein Knalltrauma oder dauerhaften Lärm. Das Knalltrauma entsteht durch sehr hohen Schalldruck, der das Gehör nachhaltig schädigt. Ursache kann beispielsweise eine Explosion sein, die nicht nur mit einem lauten Geräusch, sondern auch mit einer entsprechenden Druckwelle einher geht. so etwas kann auch durch das Öffnen des Airbags bei einem Autounfall passieren. Die weitaus häufigere Ursache ist allerdings die dauernde Lärmbelästigung. Oft führen Lärm im Beruf über einen längeren Zeitraum oder die Dauerbeschallung mit Kopfhörern bei zu hoher Lautstärke zu Schwerhörigkeit.

Vor allem die sogenannten In-Ear-Kopfhörer sind hier problematisch, da sie zum einen sehr nahe am Gehör sind, zum anderen Hintergrundgeräusche schlecht dämpfen. Das veranlaßt viele dazu, den Ton lauter zu stellen, als es eigentlich nötig wäre. Klassische Kopfhörer sind hier wesentlich besser geeignet. Seit 2017 sind Noise Cancelling Kopfhörer beliebt, diese blenden auf Knopfdruck störende Umgebungsgeräusche aus. Die eigenen Ohren werden so doppelt geschont, da die Lautstärke nicht so hoch gedreht werden muss. Zum Einsatz kommen sie beim Sport ebenso wie beim Fernsehen. Auch konzentriertes Arbeiten fällt so leichter.

Einer späteren Gehörlosigkeit kann man in einem gewissen Maße also vorbeugen, man muss nur wissen, wie. Neben zu lauten Dauergeräuschen kommen für Gehörlosigkeit noch andere Ursachen in Frage, die jedoch nicht jedem bekannt sind. Daher kommt der Aufklärung in diesem Bereich ein großer Stellenwert zu.. Ohrenentzündungen sind ebenfalls eine häufige Ursache für einen Hörverlust, der dauerhaft werden kann. Schwangere ab der 20. Woche sollten wissen, dass das Ungeborene den Lärm von außen nun ebenfalls hören kann, und sollten diesen daher besser meiden. Mehr über Häufige Ursachen für Hörverlust finden Sie hier.

Wie ist es, taub zu sein?

Diese Frage allgemein zu beantworten, ist schwierig. Für taub Geborene, die nie Hörimplantate benutzten und in der Welt der Gehörlosen aufwuchsen, ist es normal, nichts zu hören. In Bereichen, in denen Hören unerlässlich ist, bedienen sie sich anderer Hilfsmittel als Normalhörende. Dazu gehören Videotelefonie, Lippenlesen, optische und vibrierende Alltagsgeräte statt akustischer, Gebärdensprache, Dolmetscher, etc.

Menschen, die ihr Gehör erst später – durch Unfall, Krankheit oder schleichend – verlieren, finden sich in der reinen Gehörlosenkultur schwerer zurecht. Sie wuchsen in einer hörenden Welt auf, sind der Gebärdensprache und des Lippenlesens nicht mächtig und können ihre bisherigen sozialen Kontakte unter Umständen nicht aufrecht erhalten. Hören ist nämlich unabdingbare Voraussetzung für Kommunikation, die spätertaubte Menschen hauptsächlich als Lautsprache kennen. Diese Gruppe Gehörloser empfindet den Verlust des Hörvermögens oft als massive Einschränkung ihres bisherigen Lebensstils. Viele isolieren sich gesellschaftlich und schlittern in die Depression.

Gibt es gehörlose Berühmtheiten?

Es gibt zahlreiche bekannte und berühmte Menschen, die taub sind. Darunter sind übrigens auch einige Musiker. Da wäre zum Beispiel Evelyn Glennie, die so gut wie taub und dabei die beste Schlagzeugerin der Welt ist. Sie hört nicht mit den Ohren sondern mit ihrem ganzen Körper. Mit 8 Jahren begann sie schleichend ihr Gehör zu verlieren – vermutlich auf Grund einer verschleppten Entzündung. Vorher spielte sie Mundharmonika, Klarinette und Klavier. Sie hörte die Töne nicht nur, sie nahm sie körperlich wahr – und dazu braucht sie bis heute kein Gehör. Auch Beethoven komponierte noch, als er bereits taub war. Junichi Kobayashi aus Japan spielt Klavier, ebenso wie Sarah Neef aus Deutschland. Marko Vuoriheimo ist ein gehörloser Rapper aus Finnland. Die Amerikanerin Marlee Matlin ist ebenso taub, wie der Deutsche Benjamin Piwko, der bis 2017 dreimal im „Tatort“ im ARD-Fernsehen auftrat. 2016 hatte er damit als erster Gehörloser eine Hauptrolle im Tatort.

Die Geschichte der Gehörlosen

Schilderungen von Menschen ohne Gehör ziehen sich durch die Geschichte der Menschheit. Ein Sohn des Kaisers Heraklios war gehörlos und wurde mit einer persischen Prinzessin verheiratet. Gerasimos, der Patriarch von Konstantinopel saß ein Jahr gehörlos auf dem Thron. Der taube Hasan war ein gehörloser Befehlshaber der Ottomanen-Armee. Während im osmanischen Reich Gehörlose Ansehen genossen, sah es im finsteren Mittelalter des Westens anders aus. Erst im Spanien des 15. Jahrhunderts wurden gehörlose Kinder von Adeligen in Klöstern ausgebildet. Juan Fernández de Navarrete war ein taubstummer spanischer Maler, dessen Darstellungen biblischer und religiöser Motive im Museum von Toledo zu bewundern sind. Etienne de Fay war ein französischer Baumeister und Gehörlosenlehrer, der in einer Abtei in Amiens lebte. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Zeit reif für Gehörlosenschulen, die 1771 in Frankreich, 1778 in Deutschland, 1760 in England und 1806 in Schweden gegründet wurden. Seit 1817 gibt es Gehörlosenschulen in den USA.

Taub Autofahren

Gehörlos in den Urlaub fahren – ja-warum auch nicht? Diese Antwort kann einem spontan in den Sinn kommen, bei genauerem Nachdenken ist es dann aber oftmals nicht ganz so einfach. Vor allem dann, wenn es ins Ausland gehen soll. Die Gebärdensprache unterscheidet sich schon in Deutschland von Region zu Region und es gibt viele Dialekte, im Ausland ist das noch einmal ganz anders. Auch das Lippenlesen ist in einer fremden Sprache schwieriger, zudem anstrengend und hinderlich, wenn man eigentlich die Umgebung genießen möchte.
Inzwischen gibt es Reisespezialisten, die speziell für Gehörlose Führungen und Ausflüge mit Dolmetschern, die die Gebärdensprache beherrschen, anbieten. In Deutschland gibt es sogar einen eigenen Reiseveranstalter für Gehörlose, der Gruppenreisen mit dem Bus speziell für Gehörlose anbietet.

Taub und schwanger

Taube Menschen möchten ebenso Nachwuchs bekommen wie Hörende. Und während die Schwangerschaft bei einer gehörlosen Frau auch nicht anders verläuft, ist der Alltag hinterher mit Baby ein wenig anders aufgestellt – vor allem, wenn beide Eltern nichts hören können. Viele fragen sich dann, wie solche Eltern ihr schreiendes Kind hören und wissen, wann sie darauf reagieren müssen. Dafür gibt es extra Hilfsmittel wie einen Babyschrei-Sender mit Lichtblitz. Schreit das Baby, blitzt das Licht auf und Eltern werden visuell darauf aufmerksam gemacht, dass der Nachwuchs Hilfe benötigt. Für die Nacht gibt es Hilfsmittel, welche die Matratze vibrieren lassen. Man sieht: man muss sich nur zu helfen wissen, dann ist es auch für Gehörlose kein Problem, gute Eltern zu sein.

Wie ist es, gehörlos im Urlaub zu sein?

Darf man taub eigentlich Auto fahren? Diese Frage scheinen sich viele Menschen zu stellen. Selbstverständlich dürfen Gehörlose den Führerschein machen und Auto fahren. Eine Einschränkung gibt es dabei jedoch: Gleichzeitig mit einer Gehörlosigkeit darf nicht auch noch eine Sehstörung oder eine Gleichgewichtsstörung vorliegen. Dazu muss ein Gutachten von einem Arzt erstellt werden. Bei einigen Großraumfahrzeugen und LKWs gibt es Beschränkungen für gehörlose Personen. Es gibt sogar Fahrschulen, die sich speziell auf gehörlose Menschen spezialisiert haben. Gehörlose dürfen übrigens auch mit dem Fahrrad am Straßenverkehr teilnehmen, allerdings sollten ausreichend Spiegel Sorge dafür tragen, dass akustische Signale durch optische ausgeglichen werden.

Schwerbehinderung bei Gehörlosigkeit

Menschen mit Behinderung – und dazu zählt die Gehörlosigkeit ebenso wie verschiedene Grade der Schwerhörigkeit – können einen Schwerbehinderten-Ausweis beantragen. Dieser wird vom Versorgungsamt ausgestellt. Der Grad der Behinderung – abgekürzt GdB – wird in Zehnerschritten angegeben. Ab einem Grad von 50 gilt man als schwerbehindert. Dem zugrunde liegen viele Berechnungen, beispielsweise in welchem Alter die Schwerhörigkeit erstmals auftrat, ob sie angeboren oder erworben ist und ob es noch weitere Behinderungen gibt. Hinzugezogen wird dabei immer ein Audiogramm, um den Schweregrad der Hörbehinderung festzustellen.

Filme mit Gehörlosen

Gehörlosigkeit wird in einigen bekannten Filmen thematisiert. Da wäre zum einen der Klassiker „Gottes vergessene Kinder“, in der die schon oben angesprochene Schauspielerin Marlee Matlin die Hauptrolle spielte. Als Gehörlose arbeitet sie als Putzfrau in einer Schule für hörgeschädigte Jugendliche und verliebt sich in den neuen Lehrer. Marlee Matlin war damit die erste Gehörlose, die einen Oskar bekam.

Jenseits der Stille“ von 1996 handelt von einem Mädchen, dessen Eltern gehörlos sind. Sie entdeckt in ihrer Kindheit die Musik für sich und wird zu einer talentierten Klarinettistin.

Verstehen Sie die Béliers“ von 2014 handelt von einer französischen Familie, bei der drei von vier Mitgliedern gehörlos sind. Als die hörende Tochter ein Gesangsstipendium für Paris erhält, wird die Abhängigkeit ein Problem.

Gehörlose Protagonisten findet man auch in der einen oder anderen Fernsehserie, im Film oder im Buch. „Bangkok Dangerous“, ein thailändischer Film, hat einen gehörlosen Helden. Beispiele für Bücher mit schwerhörigen und tauben Hauptfiguren sind „Bevor Du liebst“ und „Mit diesem Zeichen“ von der Autorin Hannah Green.

Referenzen:

[1] Deutscher Gehörlosenbund e.V. http://www.dglb.de/dgb/index.php?option=com_content&view=category&id=38&layout=blog&Itemid=101&lang=de, Zugriff 18.1.2018